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20. Türchen des Tatort- Adventskalenders 2017

Titel: Auf dünnem Eis

Fandom: Tatort Münster

Charaktere: Karl-Friedrich Boerne, G.O.D, Frank Thiel

Promt: Folgen eines Sturzes auf Eis

Rating: M

Genre: Slash

Words: ca.1500

A/N: Meine allererste Fanfiktion. Über Feedback freue ich mich, auch wenn es nicht nur positiv ausfallen sollte; sorry für eventuelle Patzer in der Formatierung, ich komm noch nicht ganz klar :-D


Damit hatte er nicht rechnen können, mit der spiegelglatten Eisdecke mitten im Sommer. Hauchdünn war sie, sodass er ohne Probleme durch sie hindurch sehen konnte, unter ihr den festen Boden schimmern sah. Sie einfach übersehen hatte. „Zack“ hatte es gemacht, und da lag er nun, die Frisur zerzaust, die Brille verrutscht und bevor es sich fragen konnte, wie das jetzt passieren konnte, warum er, Professor Doktor Karl- Friedrich Boerne, einfach so in die Knie gezwungen wurde, war da diese Hand.
Eine schlanke, jedoch sehr kräftige Hand, die ihn einlud, erst hochzog, dann streichelte und plötzlich mit voller Gewalt zurück auf das kalte Eis stieß. Das war unerwartet. Höllisch weh hatte der Sturz getan, Prellungen überall, Tränen in den Augen. Und dann erneut diese lockende, warme Hand, die er hoffnungsvoll ergriff, um gleich darauf wieder auf die gefrorene Wasseroberfläche geschleudert zu werden, schonungslos. Was war das nur für ein Spiel, zu dem er da überredet werden sollte?
Sein Verstand sagte ihm, dass er sich nicht… Ach was, sein Verstand kam ihn oft genug in die Quere. Hier war Intuition gefragt und Gefühl. Als er das nächste Mal hinaufgezogen wurde, lies er sich nicht wieder zurückstoßen. Stattdessen hielt er sich verbissen fest, klammerte. Er spürte einen schlanken, muskulösen Körper nah an seinem eigenen. Raue Haut drängte sich an seine Brust, plötzlich blitzende dunkle Augen und sein aussetzender Herzschlag . . 2 . . 3 . .dann Kälte.
Sein Meister hatte ihn losgelassen, aber nicht erneut zu Boden gestoßen. Diesmal war er nur einen Schritt zurückgetreten, sah ihn jetzt spöttisch und herausfordernd an. Er wartete, vertraute darauf, dass Boerne ihm folgte: „Mein Schüler“, sagte er einladend. Einen kurzen Moment zögerte Boerne. Noch konnte er aufhören, umkehren, schließlich bewegte er sich hier auf viel zu dünnem Eis. Aber wenn er jetzt zurückträte, würde er sich dann jemals wieder darauf wagen?
Also machte er den entscheidenden Schritt, fasziniert, neugierig. Lies sich von seinem Meister übers Eis führen, lenken, schleudern. Tanzen.
Sie tanzten, immer schneller, immer enger, immer gieriger. Er wollte nichts anderes mehr, als hier zu tanzen, mit seinem Meister, sich führen zu lassen, zu spüren, zu spüren, noch mehr zu...Plötzlich wurde er mit voller Wucht auf die Eisdecke geschmettert. Ein donnernder Schlag gegen den Kopf, aber diesmal keine Hand die ich hochzog. Nur ein Knacken und Rutschen. Plötzlich Kälte, Wasser, Schock. Wer sich auf dünnem Eis bewegt, bricht irgendwann ein.
Und dann war da auf einmal Thiel.




Die neongrünen Ziffern des Weckers waren der einzige Farbfleck im Raum. Die Morgendämmerung ließ noch auf sich warten, selbst die Straßenlaternen vor dem Fenster warfen nur ein fahles Licht ins Zimmer. Thiel ächzte und quälte sich lustlos aus dem Bett. Er fröstelte in seinen Unterhosen, tastete benommen nach dem Lichtschalter und der Jeans, die auf dem Kleiderhaufen neben seiner Schlafzimmertür lag.
Letzten Winter war er gerne früh aufgestanden, hatte jeden Morgen ausgiebig geduscht und seinen Lieblingspulli nach Flecken abgesucht, bevor er hineingeschlüpft war. Dann hatte er sehnsüchtig das Läuten seiner Klingel erwartet, nur um anschließend betont langsam seine Haustür zu öffnen und zu Boerne auf den hellen Flur hinauszutreten. Wie selbstverständlich hatte der ihn während der kalten Monate in seinem Luxusschlitten mit zur Arbeit genommen. Thiel war sehr froh darüber, erstens konnte man sich an so eine Sitzheizung wirklich gewöhnen und zweitens…
Naja, an Boerne konnte er sich eigentlich auch ganz gut gewöhnen. Gewohnheit, genau. Thiel hatte ihre Beziehung nie so wirklich in Frage gestellt. Er wunderte sich nicht, warum es ihm unangenehm war, wenn Boerne ihn im Schlafanzug sah. Er dachte nicht darüber nach, weshalb er sich von dem andere immer wieder zu illegalen Aktionen überreden lies und warum die Abende mit Boernes teurem Wein und einem Glas voller Vollkorn-Salzstangen die besten waren. Am Wein lag es sicherlich nicht und an Boerne konnte es ja eigentlich auch nicht liegen.
Deshalb hatte es ihm auch überhaupt nichts ausgemacht, als Boerne angefangen hatte, von diesem Künstler, von diesem G.O.D. zu schwärmen. Auf einmal gab es sie nicht mehr, diese langen Nächte, voller Grübeleien und betrunkenem Philosophieren. War ja nicht so schlimm, grübeln konnte er auch alleine. Genauso wie mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. War ja eh nicht mehr so kalt draußen und außerdem gut für die Gesundheit. Denn Boernes Wagen, der stand nun nicht mehr jeden Morgen vor dem Haus und bei Boerne brannte oft den ganzen Abend lang kein Licht. Und am nächsten Tag auch nicht.
Bis der Nachbar dann plötzlich wieder bei Thiel klingelte, am Abend, nachdem G.O.D. versucht hatte, Boernes Körper für die Ewigkeit zu konservieren. Und als sie dann gemeinsam im Wohnzimmer saßen, mit einem Sixpack Bier und einer Flasche Wein, da schaute ihm Boerne kein einziges Mal in die Augen. Er saß nur da, mit gesenktem Blick und redete er viel über Kunst und Täuschung und Enttäuschung. Mit keinem Wort erwähnte er die Aktion des Vortages, wie Thiel gerade noch rechtzeitig kam, wie Thiel von Anfang an gespürt hatte, dass G.O.D. nur schlechte Absichten hatte.
Thiel sagte zu alldem nichts, leerte nur Flasche um Flasche mit kräftigen Zügen, stand schließlich auf und wies den anderen an, zu gehen. Und Boerne ging, mit hängenden Schultern und beschämten Gesichtsausdruck, aber Thiel sah er immer noch nicht an. Und Thiel ihn auch nicht. Am Tag darauf regnete es und vor dem Fenster wartete plötzlich wieder Boernes schwarzes Cabrio auf Thiel. Es klingelte mehrfach an der Haustür, aber Thiel machte nicht auf, er würde auch an diesem Morgen mit dem Fahrrad fahren. Bis gestern wusste er nicht, dass er eifersüchtig gewesen war. Aber jetzt war Thiel verletzt. Tief verletzt.
Die nächsten Wochen vergingen schnell, schweigend. Boerne und er sprachen nur das Nötigste, immer mit einer künstlichen Distanz zwischen ihnen. Manchmal versuchte Boerne, das Gespräch auf die ganze Geschichte mit G.O.D. zu lenken, fing an, verlegen herumzudrucksen oder lud Thiel unter einem Vorwand zum Abendessen ein. Aber jedes Mal, wenn die Situation etwas ernster wurde, die Stimmung zu vertraut, blockte Thiel ab, stellte sich taub und ahnungslos. Er wollte über die Sache nicht mehr nachdenken, nicht mehr darüber sprechen, wollte keine kleinlauten Entschuldigungen mehr hören. Die würden sowieso nichts mehr ändern, Boerne hatte sein Herz gebrochen und er war jetzt der Dumme. Und das Schlimmste daran: Er war immer noch verliebt.
Deswegen zog er an diesem dunklen Wintermorgen auch seine wärmste Jacke über und stapfte hinaus in die Kälte. Kurz blickte er hinauf zu Boernes Fenster. Bei seinem Nachbarn brannte auch schon Licht, klar, der fuhr ja immer eine halbe Stunde zu früh zur Arbeit. Der Weg vor dem Haus war natürlich vereist, der Schnee der letzten Tage hatte sich festgetreten. Eigentlich war es Boernes Aufgabe, etwas gegen die Glätte zu tun, schließlich war er der Vermieter. Aber Thiel hatte ihn letzte Woche heimlich beim Hantieren mit der Schneeschaufel beobachtet: Boerne hatte sich dabei so ungeschickt angestellt, dass er sich gleich einen Hexenschuss holte und für die folgenden zwei Tage in gebeugter Haltung durch die Gegend gelaufen war.
Thiel hatte das Vorkommnis nicht kommentiert: Konnte ihm ja eigentlich egal sein, wenn Boerne sich verletzte. War es ihm aber nicht. Weil er eben dumm war. Er fühlte sich von Boerne gedemütigt und ausgenutzt. Aber er war trotzdem noch verliebt und deshalb dumm. Also schleppte er jetzt den 15-Liter Sack Streusalz durch den Vorgarten und sorgte dafür, dass niemand auf der Eisschicht stürzen konnte.
Boerne trat zwanzig Minuten später aus der Haustüre, streifte sich seine Lederhandschuhe über, hielt sich am Treppengeländer fest und setzte vorsichtig einen Fuß auf die Stufe. Erst dann merkte er, dass der Weg trocken war. Thiel beobachtete ihn vom Gehsteig aus heimlich. Eigentlich wollte er nicht, dass Boerne ihn jetzt sah. Der musste ja nicht wissen, dass Thiel ihm immer noch irgendwelche Gefallen tat. Das Thiel seinen Weg ebnete, auch wörtlich genommen. Aber jetzt war es fürs Verstecken wohl eh zu spät. Einen Moment lang blickte sich Boerne irritiert um, dann sah er schließlich Thiel mit dem Sack Streusalz in der Hand.
Kurz wirkte Boerne unsicher, zögerte. Dann trat er mit entschlossenen Schritten an Thiel heran, lächelte warm und schaute ihm plötzlich mitten in die Augen. Thiel hielt den Atem an: das war unerwartet. Zum ersten Mal nach Monaten voll ausweichender Blicke sah er in das tiefe, freundliche grün. Boerne holte Luft, setzte zu einer Frage an: „Darf ich Sie heute mit zur Arbeit nehmen, Thiel?“. Enttäuschung machte sich in Thiel breit, er schlug die Lider nieder und schüttelte schnell den Kopf. Als ob es nur darum ginge, ob er die zehn Minuten zum Präsidium eine Sitzheizung hatte oder nicht, Boerne hatte doch gar…
„Thiel?“ fragte Boerne nun mit ganz sanfter Stimme, streifte unsicher Thiels kalte Hand. Hellblaue Augen trafen erneut das klare Grün, diesmal länger, andächtig, ehrlich. Und bevor sich ihre Gesichter noch näher kamen und sich die Lider wieder schlossen, benetzten ein paar Tränen Thiels erweiterte Pupillen „Danke“, flüsterte Boerne noch, bevor sie sich küssten. Das Eis zwischen ihnen war geschmolzen.


Tags: @adventskalender, boerne/god, boerne/thiel, tatort münster
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